Eine andere Art von Stille
ETERNAL ICE begann als freies Projekt und wurde über viele Jahre immer wieder aufgenommen. Die Schweizer Gletscher strahlen eine Stille aus, die nichts mit Ruhe zu tun hat. Es ist die Gegenwart geologischer Zeit: Eis, das sich über Jahrtausende ansammelte und nun in einem einzigen Menschenleben schneller zurückweicht als je zuvor. Für uns, die wir den grössten Teil unseres Berufslebens in Industrieumgebungen verbringen, war diese Stille nicht friedlich. Sie hat uns herausgefordert.
Bevor das Eis verschwindet
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Schweiz mehr als die Hälfte ihres Gletschervolumens verloren, und der Rückgang beschleunigt sich weiter. Allein seit 2015 ist ein Viertel des verbliebenen Eises geschmolzen: der stärkste Verlust innerhalb von zehn Jahren seit Beginn der Aufzeichnungen.
Für ETERNAL ICE wählten wir vier Gletscher aus, die jeweils einen anderen Teil dieser Geschichte erzählen:
Triftgletscher, Berner Oberland
Der Weg zur Trift ist lang und anspruchsvoll. Die Aussicht muss man sich erwandern. Wer ankommt, spürt bereits durch die Strapazen des Wegs die Grösse dessen, was vor ihm liegt.
Besonders beeindruckend erschien uns die Gletscherzunge, an der das Schmelzen sichtbar und dramatisch ist. Der See darunter entstand erst nach 2002, als sich der untere Teil des Gletschers zurückzog und das Schmelzwasser den frei gewordenen Raum füllte. Am Ufer zu stehen und diese Zeitspanne zu begreifen, fällt schwer. Das Wasser ist kalt und ganz neu.
Die Trift liegt in der Region Susten-Grimsel und ist zu einem der meistzitierten Beispiele für den Gletscherrückgang in der Schweiz geworden. Jedes Jahr verliert sie Meter an Eisdicke. In wissenschaftlichen Studien und Medien dient sie als Gradmesser für die Veränderungen in den Alpen. Die Hängebrücke über dem See, die Berghütte auf dem Grat: Bauten, die wir rund um einen Gletscher errichtet haben, der schon im Gehen war. Die Landschaft ordnet sich um den Verlust neu. Diese Neuordnung ist keine Erholung.
Berninagletscher, Graubünden
Der Berninapass verbindet auf 2328 Metern das Engadin mit dem italienischsprachigen Puschlav. Wir überquerten ihn oft. Er ist eine jener Schwellen, an denen sich die Landschaft sichtbar wandelt: im Licht, in der Vegetation, in der Luftqualität. Von diesem Punkt aus zeigen sich die Gletscher des Berninamassivs am deutlichsten.
Die Dokumentation des Gletscherrückgangs wird hier körperlich spürbar. Das schwindende Eis enthüllt rohen Fels, der aussieht, als läge er erst kürzlich frei. Uns faszinierte die Spannung zwischen der Beständigkeit des Bergs und der Vergänglichkeit dessen, was ihn bedeckt. Der Pass selbst hat sich seit Jahrhunderten kaum verändert, rahmt heute aber eine Landschaft ein, die still und unumkehrbar eine andere ist als die, die Reisende vor hundert Jahren erlebten.
Tschiervagletscher, Berninagruppe, Graubünden
Der Tschiervagletscher liegt im Val Roseg und ist nur zu Fuss erreichbar. Diese Abgeschiedenheit prägt die Wirkung der Bilder.
Um 1860, während der Kleinen Eiszeit, bildeten Tschierva- und Roseggletscher einen einzigen, durchgehenden Eisstrom. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trennten sie sich bereits. Heute entspricht das seit diesem Höchststand verlorene Eisvolumen in Graubünden etwa dem Fassungsvermögen des Zürichsees.
Mit der Aufnahme des Tschiervagletschers wollten wir keine herkömmliche Dokumentation schaffen. Das Bild zeigt eine konstruierte Landschaft aus einem Helikopterflug. Wir kombinierten mehrere Blickpunkte und veränderten bewusst die Perspektive, um die Eismassen näher heranzuholen und die umliegenden Felsen zurücktreten zu lassen. Die Luftaufnahme war für ein Projekt über Gletscherschwund nicht die klimaneutralste Entscheidung, dessen sind wir uns bewusst. Doch die dadurch gegebene Perspektive und die eindrückliche Darstellung des Ausmasses des Verschwindens waren uns diesen Widerspruch wert. So entstand ein Blick auf einen Gletscher, der zugleich gegenwärtig und doch schon fern wirkt. Ein Ort, der bei weiterem Rückgang bald nur noch als Erinnerung existiert.
Tschiervagletscher, 2013
Rhonegletscher, Urner Alpen
Der Rhonegletscher ist der meistbesuchte Gletscher der Schweiz und der, um den man sich am sichtbarsten kümmert. Jedes Jahr im Sommer hüllt das Team Teile des Eises in dicke, weisse Isolierdecken, um das Schmelzen rund um die berühmte Eisgrotte zu verlangsamen. Die Grotte muss jährlich neu ausgehoben werden, da sich das Eis verschiebt und dünner wird. Die Familie, die den Ort seit Generationen betreibt, hat miterlebt, wie sich ihr Gletscher und ihre Lebensgrundlage bis zur Unkenntlichkeit verändert haben.
Vor Ort wirken die Decken nicht nur wie Logistik, sondern auch wie ein sichtbares Zeichen von Hingabe. Sie sind zerrissen, verwittert und werden gegen Wind und Wetter beschwert. Jedes Jahr rückt die Grotte ein Stück weiter vom Souvenirladen weg und wird ein wenig flacher. Erst aus der Luft wird das ganze Ausmass dieser Geste sichtbar.
Der Rhonegletscher aus der Luft
Aus der Vogelperspektive erscheinen die Decken klein und der Gletscher noch kleiner. Die Luftaufnahme am Anfang dieses Beitrags haben wir 2021 mit einer Drohne gemacht, für ein gemeinsames Mailing mit Keller Maurer Design. Sie zeigt die weissen Isolierdecken als helle Flecken auf dem Graublau des Eises. Was vom Boden aus nah und beinahe zärtlich wirkt, wird aus der Luft zum Muster, zum Symptom. Etwas, das sich auf einen Blick erfassen lässt.
Das vollständige Mailing können Sie hier ansehen.
Warum wir diese Bilder gemacht haben
Wir fotografieren, forschen aber nicht und führen keine Kampagnen. Wir schufen diese Bilder, weil wir dem Thema mit genauem Hinsehen über einen langen Zeitraum begegnen wollten. Jede Aufnahme erforderte bewusste Entscheidungen: Wo stehen wir? In welchem Licht arbeiten wir? Was gehört ins Bild, was bleibt draussen? Die Gletscher waren lange vor unseren Kameras da. Unsere Fotografien halten die Begegnung mit ihnen fest.
Ausstellungen
Die Serie ETERNAL ICE haben wir in folgenden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst gezeigt:
ETERNAL ICE
VOLTA contemporary art week, Basel, Schweiz
Gruppenausstellung, 16. bis 21. Juni 2014
THE EYE OF THE VALLEY
Château Papillon des Arts, St. Moritz, Schweiz
Gruppenausstellung, 21. bis 24. November 2013
SHAPE THE SCAPE
Widmer+Theodoridis contemporary, Zürich, Schweiz
Gruppenausstellung, 29. August bis 19. Oktober 2013
THE EYE OF THE VALLEY
Gallery Idea Fixa, Basel, Schweiz
Gruppenausstellung, 12. bis 24. Oktober 2013
Die Bilder von ETERNAL ICE sind als limitierte Fine-Art-Prints erhältlich, jeder in Archivqualität produziert und mit Echtheitszertifikat. Für Editionen, Formate und Preise schreiben Sie Andreana direkt.
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